Natürlich energiegeladen

Christian Kuhtz gilt als der Energieversorgungs-Pionier aus Kiel. Er baut Windräder, Sonnenkol­lektoren und Lastenfahrräder aus Resten, die er auf dem Sperrmüll findet. Seine ganze Lebensweise basiert auf Nachhaltigkeit. Seine Energie, in Form von Strom und Wärme, gewinnt er durch die Na­turkräfte Sonne und Wind.

Das Treffen mit ihm findet in seinem Haus im Süden Kiels statt. Dort angekommen, scheitert es schon fast am Nichtauffinden der Klingel an der Tür. Da hilft nur lautes Klopfen. Als Christian die Tür öffnet, meint er nur: „Na, hast du die Klingel nicht gefunden?“ Er zeigt auf eine Fahrradklingel, die auf der Innenseite der Haustür befestigt ist. Au­ßen ist eine Kurbel, die bei Betätigung die Klingel antreibt. Was für eine geniale Idee!

Faszination Selbermachen

Schon als Kind zeichnete ihn ein großes Interesse an dem Selbermachen von Gebrauchsgegenstän­den aus. Als er zur Grundschule kam, konnte er bereits mechanische Wecker reparieren, erzählt er stolz. Das Wissen dazu hat sich der neugierige Naturfreund selbst beigebracht, indem er kaputte Geräte aufschraubte und versuchte die Funktions­weise zu verstehen.

„Es ist wie ein Puzzle. Wenn man sich ein Puzzleteil erarbeitet hat, versteht man immer mehr. Umso mehr man sich anguckt, beobachtet und versteht, umso vollständiger wird das Puzzle.“

Nach der Schule absolvierte er ein Studium in Pro­duktgestaltung an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel.

Getreidequetsche zum Herstellen von Getreideflocken

Getreidequetsche zum Herstellen von Getreideflocken

In der Küche stehen so einige selbstgebaute Haushaltsgeräte. „Das ist eine Getreidequetsche. Die habe ich vor 31 Jahren gebaut“ erklärt mir Christian stolz „Sie besteht aus Abfallholz, einem Stück alter Heizungsrohre und Konservenbüchsenblech. Man kann damit Getreideflocken machen“. Dafür, dass die Quetsche schon so alt ist, sieht sie immer noch top aus, robust und langlebig gebaut, mit so einfachen Mitteln und sie läuft ohne Strom.

Motivation

„Strom ist der geringste Teil unseres Energiever­bauchs“ meint Christian. Und den Teil, den er dann doch braucht, gewinnt er fast vollständig selbst. Im Garten zeigt er uns seine Windkrafträ­der und Sonnenkollektoren auf dem Dach. Wie kommt er dazu selbst seine Energie erzeugen zu wollen? Damals, 1975, in Brokdorf auf der Demo gegen Atomkraft. Da wurde ihm klar, dass man als einfacher Demonstrant nicht viel bewirken kann. Er sagte sich „Wir machen das anders“ und begann sich als einer der ersten in Deutschland mit dem Bau von Windrädern und Sonnenkollektoren zu beschäftigen. Ökostrom gab es damals ja noch gar nicht.

Von der Sonne geschenkt

Sonnenkollektor (rechts) für Warmwasser

Sonnenkollektor (rechts) für Warmwasser

verglaste Südwand als Sonnenkollektor

verglaste
Südwand als Sonnenkollektor

Die südliche Außenwand seines Hauses hat er schwarz gestrichen und verglast.  „Bei normaler Dämmung wird die Wärme von innen eingedämmt und die Wärme von außen ausgesperrt“ erklärt er, „Diese Wand dient als Sonnenkollektor. Sie leitet die Wärme von der Sonneneinstrahlung nach innen und die Fensterscheiben verhindern, dass sie wieder rauskommt. Diese Heizwand verkürzt die Heizperiode um 8 Wochen“.

„Die Wärme, die mir von der Sonne geschenkt wird, ist schon gut zu nutzen.“

Auch auf dem Dach nutzt er die Sonnenwärme, um Wasser in verglas­ten schwarz-bemalten Heizkörpern zu erwärmen und das Warmwasser dann ins Haus zu leiten. Al­lein durch Schwerkraft fließt das Wasser ins Haus, eine Technik, die in der konventionellen Industrie so gar nicht angeboten wird.

Lehmofen zum Heizen

Lehmofen zum Heizen

Auch innerhalb des Hauses er hat ein wunderbares Wärmekonzept. Mit einer Ofenheizung, die in der Küche steht, aber bis durch die Decke in das Obergeschoss des Hauses ragt, heizt er das gesamte Haus. Seine Verbrennungsmethode ist so effektiv, dass er nur einmal am Tag für eine Stunde Feuer machen muss, um dann 24 Stunden lang ein warmes Haus zu haben. Sein Holzverbrauch beträgt nur 3-4 Meter Holz im Winter. Der Ofen kann auch zum Kochen genutzt werden, aber vor allem im Sommer nutzt die Familie doch eher den Gasherd. Dieser wird mit Propangas betrieben, einem Abfallprodukt bei der Benzin- und Dieselherstellung.

kuhtz_portrait_hochMit der Kraft des Windes

„Windräder sind nur ein kleiner Beitrag zur Ener­gieselbstversorgung. Von ihnen geht eine techni­sche Faszination aus, aber sie bringen relativ wenig Strom“ erklärt Christian. Doch die gewonnene Energie durch das Dachwindrad und das große Windrad im Garten reicht für seinen Bedarf im Haus aus. Anderen Menschen empfiehlt der selbst­ständige Ökobastler lieber Ökostrom zu beziehen, als zu versuchen mit Windrädern den eigenen Energiebedarf zu decken. „Heutzutage gibt es so viel Ökostrom im Netz, da ist der Aufwand, den man für den Bau eines Windrads benötigt, zu hoch“ meint Christian.

Doch in Christians Fall reicht schon wenig Strom aus, daher hat er im ganzen Haus auch nur 12V Anschlüsse. Er hat kaum technische Produkte in seinem Haushalt und braucht das alles auch gar nicht. Nur eine Waschmaschine, die hat er. Die hat er aber umgebaut, damit der Sonnenkollektor das Wasser heizt, aber die Motoren der Maschine laufen mit 12-Volt-Windradstrom und einen Wandler. Für Maschinen wie Flex und Schweißgerät bezieht er 230-Volt-Strom. Sein gewählter Stromanbieter ist das unabhängigen Elektrizitätswerk Schönau. Die Frage nach einem Kühlschrank, verneint Christian auch. Er lagert seine Lebensmittel im kühlen Keller, Fleisch isst er gar nicht und Milchprodukte nur wenig. Seinen Garten bewirtschaftet er aber nur zum Spaß, hier strebt er keine Selbstversorgung an. Seine Schwerpunkte liegen dann doch eher beim Bau und der Wissensvermittlung seiner Kenntnisse.

ohne Schweißen und aus Schrott gebaut - diese Fahrräder können Lasten bis zu 100kg befördern

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Das Regenwasser wird vom Dach über ein Aquädukt in den Erdkellertank geleitet

Das Regenwasser wird vom Dach über ein Aquädukt in den Erdkellertank geleitet

Wissen weitergeben

„Das Problem ist, dass eine ganz einfache Technik heute künstlich kompliziert gemacht wird, um den Leuten Glauben zu machen, das könnte man nicht selber machen“ stellt Christian fest. Mit seiner Heftreihe „Einfälle statt Abfälle“ gibt er sein Wissen zum Thema Selbermachen weiter.

„Ich mache für die bewährten Sachen Bau­pläne und die verbreite ich. Damit möglichst viele das anwenden können. Wenn ich das nur für mich mache, ist es vielleicht bei mir herrlich öko. Aber was nutzt das der Gesamtheit?“

Christian gibt auf Anfrage Workshops für Privat­personen oder Gruppen. Zum Beispiel hat er der Gruppe vom Fahrradkinokombinat Starthilfe bei der mechanischen Konstruktion der Fahrräder gegeben. Wer Interesse an einem Kurs bei ihm hat, kann sich gerne bei ihm melden. Zur Kieler Woche wird man ihn auch auf dem MUDDI Markt live erleben können.

„Ich freue mich total darüber, wenn Leute etwas Schönes machen. Mit Garten und Natur erleben, Musik selber machen, Liedchen selber singen“ sagt Christian sichtlich gerührt. In der Gruppe etwas unternehmen und sich auf die positiven Dinge des Lebens konzentrieren, das gibt Christian seine persönliche Energie.

In die Zukunft geschaut

„Ich mache Dinge selber aus Lebensfreude, nicht aus Angst vor einem Systemcrash“ hebt Christian hervor. Es gibt eine Bewegung von Menschen, die einem einreden wollen, dass es immer schlimmer wird mit der Umweltverschmutzung und dass man lernen muss sich selbst zu versorgen, weil das System eines Tages zusammenbricht. Christian distanziert sich von dieser Bewegung. Er hat auch keine Angst vor der Zukunft. Dadurch, dass er so viel Kontakt zu jungen engagierten Menschen hat, die sich für seine Werke und sein Wissen interessieren, blickt er zuversichtlich in die Zukunft.

„Das Wichtigste ist, dass man sich wohlfühlt und glücklich ist und den kommenden Generation und seinen Mitmenschen die Möglichkeit dafür lässt. Das heißt einen Lebensstil findet, der nicht die Zukunft belastet und zerstört.“

Auch wenn unsere Technik immer sparsamer ge­worden ist, so steigt doch der Konsum immer wei­ter an. Der bewusste Konsum und das Hinterfra­gen der Notwendigkeit von Konsum (Brauch ich das wirklich? Muss ich das wirklich kaufen?) sollte sich noch mehr in der Gesellschaft verbreiten, so lautet sein Wunsch für die Zukunft.

 

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