Heimathafen Herz und das Musaik

Die ungekürzte Version des Interviews mit Heimathafen Herz:

Was bedeutet Heimathafen Herz?

Ich komme aus einer Familie, in der beide Großväter Flüchtlinge waren und beide Großmütter ihren Heimatort früh verließen. Als Kind bin ich oft zwischen diesen Orten gependelt und wurde als „die von dort, dem anderen Ort“ wahrgenommen. Eines war mein Zuhause, das andere bezeichnete ich als meine Heimat. Überhaupt werde ich oft als Person mit Migrationshintergrund gelesen. Ich fing an, mich zu fragen, wo ich eigentlich hingehöre und erfand den Begriff „Heimathafen Herz“. Das war nur für mich; meine Entscheidung, dass ich immer dort zu Hause bin, wo mein Herz ist. Es ist mir wichtig, Entscheidungen von Herzen zu treffen, damit ich mich mit mir selbst wohl fühle und dem, was ich tue. So ist es einfacher, gute Absichten zu verfolgen. „Heimathafen Herz“ ist auch eine politische Rückeroberung von einem missbräuchlich verwendeten Begriff. Wenn es mehr Menschen gibt, die ihr Herz als Heimat betrachten und weniger einen bestimmten nationalen Gedanken, dann wird es uns leichter fallen, keine Kriege um Nationen zu führen. Dann ist es wichtiger, ein Herz zu haben.

Wer steckt dahinter?

Ich werde bald 24 Jahre alt. Meine Zeit beginnt gerade. Ich wache morgens auf und habe eine ganze Reihe Sinn stiftender Aufgaben auf meiner Arbeitsliste, die es gilt zu meistern. Das ist wirklich ein anderes Gefühl, als darauf zu warten, endlich handeln zu können. Mein Eigensinn zeichnet mich aus. Auf der anderen Seite bin ich flexibel – ich sage manchmal, dass ich Feuer und Wasser bin. Im einen Moment kann ich ein Ziel verfolgen und dann gebe ich alles. Wenn es Hindernisse auf meinem Weg gibt, dann wechsele ich mein Element und umfließe geschickt die Steine auf meinem Weg. Widersprüche zu vereinen und das große Ganze zu sehen, darin bin ich gut!

Was ist ein offenes Atelier? Wo findet es statt? Und was ist das Besondere daran?

Stell dir vor, du kommst in einen Bastelladen. Diese wundervollen Läden, in denen du dir Perlen in einer Schale einzeln zusammenstellen und die Stoffe für die Leinwände anfassen und auswählen kannst. Du gehst durch die Regale und greifst nach einem Papier; du fühlst genau, wonach dir gerade ist. Du weißt noch nicht, mit welchen Kreiden du malen willst, deshalb nimmst du dir einfach alle Farben aus den Auslagen, die irgendein gutes Gefühl in dir auslösen. Du schaust dich um und findest einen Platz. Und dann fängst du einfach an zu arbeiten. Es gibt dieses Konzept. Im Kindergarten. Aber warum müssen wir Kinder sein, um so ein Angebot nutzen zu können? Das nächste mal, dass wir ein solches Angebot bekommen ist entweder in der Ergo-Therapie oder im Altersheim! Warum müssen wir Kinder sein, krank oder alt werden, um dieses Angebot nutzen zu können? Das will ich ändern. Die Räume der Alten Mu standen kostenlos zur Verfügung, deshalb konnte ich mich einfach ausprobieren.
Nun bin ich dabei, das Konzept zu überprüfen. Kann Kunst frei sein, wenn sie an einen bestimmten Ort gefesselt ist? Im Grunde kann das Musaik überall stattfinden. Du kannst morgen mit einem Bollerwagen und ein paar Farben in die Stadt fahren und die Leute ermutigen, kreativ zu werden! Dann findet ein offenes Atelier statt. Zwar soll Raum für Kreativität, Kunst und Ausdruck geschaffen werden, doch das Wichtige sind die Begegnungen und das Gefühl, welches entsteht, die Gemeinschaft! Weniger der Ort. Deshalb gibt es die Möglichkeit, sich online zum offenen Atelier zu verabreden und sich auszutauschen.


Wer kann da mitmachen?

Alle dürfen mitmachen, niemand muss. Kinder bekommen erzählt, dass Pferde nicht grün seien und rosa eine „Mädchenfarbe“, Erwachsenen fehlt in der Ergo-Therapie der Zugang zu ihrer Inspiration… das ist keine Kunst, das ist ein Teufelskreis. Kunst muss frei sein! Wenn ich selbst ein offenes Atelier veranstalte, richtet sich das Angebot vor allem an alle Erwachsenen. Kinder arbeiten im Durchschnitt selbstständiger und räumen häufiger ihren Arbeitsplatz auf! Beim letzten Atelier auf dem Sommerfest waren es vor allem Familien am Nachmittag und Betüddelte in der Nacht. Stell dir vor, wie viele Pinsel ich vor dem nahenden Tod retten musste! Ich schaue darauf, dass der Weg zu den Räumen Barrierefrei ist. Menschen, mit einem erhöhten Bedarf an Sicherheitsgefühl können sich vorher mit mir absprechen. Ich habe weder Psychologie noch Kunst studiert und bin deswegen immer um ein künstlerisches Arbeiten frei von Stigmata bemüht.
Deshalb ist auch die Teilnahme kostenfrei. Spenden sind gerne gesehen. Auch die Rückmeldungen sind positiv. Das gibt mir Mut und zeigt mir, dass die Nachfrage groß ist.

Gibt es Vorbilder in anderen Städten?

Als ich die Idee hatte, gab es keine Vorbilder. Ich stand zwischen Glückslokal und Werkstatt Konsum und konnte mich nicht entscheiden, wohin ich meine Bastelsachen spende. Das war die Geburt des offenen Ateliers.

Was bietest du für Kurse/Veranstaltungen/etc. an?

„Origami gegen das Chaos“-Kurse, das offene Atelier MUSAIK und Müll-Sammel-Aktionen. Momentan plane ich mit dem Zukunftsbüro einen ersten Kurs für ein plastikfreieres Leben. Wir machen Zahnpasta selbst! Ab nächstem Jahr biete ich dann auch eine Beratung an. Ich leite einen Zeitgutschein-Tauschkreis und organisiere mit Fördegrün einen Minimalismus-Stammtisch. Obwohl – es ist eigentlich eher ein Minimalismus-Café, denn letztes Mal waren es über dreißig Personen! Ich bin auch auf dem Querbeet Festival in der Alten Mu mit dem Rundbeet Kiel. Wir falten Komposttüten aus alten Zeitungen!

Was macht dir daran Spaß?

Dass ich meine eigene Chefin bin! Zeitgleich arbeite ich mit Menschen, die machen, worauf sie Lust haben. Und ich kooperiere mit vielen Frauen, die ihre Projekte vorwärts und eigene Erfahrungen ins Spiel bringen. Das ist eine neue und besonders schöne Art zu arbeiten!

Was war das Schönste, das dir während der Zeit/Aktivität als Heimathafen Herz in Kiel passiert ist?

Es wird grundlegend davon ausgegangen, dass ich weiß, was ich tue. Das tut gut und macht mich lebendig. Ich glaube, das ist der Wind. In Kiel gehen die Menschen davon aus, dass sich die Dinge so schnell ändern wie das Wetter! Der Wind ist das Schönste, das mir passiert ist.

Was kann noch optimiert werden?

Ich muss lernen, Gruppen zu leiten, wenn es gefordert ist. Dass Führungskraft von mir verlangt wird, daran muss ich mich erst gewöhnen. Das ist wie Fahrrad fahren nach sehr langer Zeit – Ich kann das, aber bloß nicht übermütig die Hände vom Lenker nehmen! Für Stützräder sollte ich mir auch nicht zu stolz sein…

Welche Wünsche hast du für die Zukunft?

Ich wünsche mir regelmäßige Aktionen, die von anderen Personen ausgehen und mehr Einladungen, ein offenes Atelier zu veranstalten. Und eine Kooperation mit einem Laden, der nachhaltige Kunstmaterialien verkauft. Das würde sicher Kunden in den Laden bringen… Hauptsache, es geht weiter und wir können kostenlos Kunst machen! Es verstauben so viele schöne Materialien oder trocknen ein… „Artsharing“, das wäre was!

Mehr Infos gibt es unter www.facebook.com/heimathafenherz.

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