Auf ein Honigbrot mit Dr. Diekötter

Name: Tim Diekötter
Studium: Biologie mit Hauptfach Naturschutz
Beruf: Promovierter Biologe
Kindheitswunsch: Tierfilmer

Dr. Diekötter lehrt und forscht seit dem Wintersemester 2014 an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel an der Agrar- und Ernährungswissenschaftlichen Fakultät.

Janina Taigel war überrascht, als Tim Diekötter mit Fahrradtaschen bepackt in seinem Büro eintraf, und sich im darauf folgenden Gespräch dafür entschuldigte, dass er als Familienvater überhaupt ein Auto besitzt.

1. Herr Diekötter, was ist Ihr Forschungsschwerpunkt?

Ich arbeite im Bereich Agrarökologie. Der Lehrstuhl heißt Landschaftsökologie und wir sind nicht nur am Einfluss der Landschaft auf die Biodiversitätsmuster interessiert, sondern auch an den Ökosystemdienstleistungen, die mit der Biodiversität verbunden sind. Dazu zählt beispielsweise Bestäubung oder biologische Schädlingsbekämpfung. Wir schauen, wie bestimmte Landschaftselemente miteinander interagieren. Was passiert zum Beispiel, wenn der Raps blüht? Lockt er viele Bestäuber an, die anderen Landnutzungstypen abgezogen werden? Was ist, wenn er verblüht ist?

2. Was erhoffen Sie sich von den Ergebnissen?

Wir betreiben in vielen Bereichen angewandte Forschung, in der wir natürlich hoffen, dass wir zu Ergebnissen kommen, die in Managementempfehlungen resultieren. Wir geben Empfehlungen bezüglich der Intensität der Nutzung auf der Fläche und der Elemente, die man in der Landschaft benötigt, um bestimmte Pflanzen- und Tierarten zu erhalten.

„Solidarität hat damit zu tun,
lebensnotwendige Ressourcen
besser zu verteilen“

3. Was braucht es Ihrer Meinung nach, damit die Ergebnisse umgesetzt werden?

Ich denke, dass die Ergebnisse zum Teil umgesetzt werden, aber sicherlich nicht in dem Ausmaß, wie man sich das erhoffen würde. Das liegt unter anderem daran, dass die Kommunikation zwischen den verschiedenen Institutionen nicht besonders gut ist. Planungsbüros oder Naturschutzbehörden lesen andere – günstigere und deutschsprachige – Zeitschriften und nicht die, in denen wir hauptsächlich publizieren.

Dieses Problem ist bereits erkannt, aber es gibt noch keine richtige Lösung. Mein Vorschlag wäre, dass alle Drittmittel-finanzierten Projekte – über die ja die meiste Forschung läuft – immer einen Budgetpunkt haben sollten, der sicherstellt, dass die Ergebnisse auch anwendungsrelevant kommuniziert werden.

4. Was ist das erste, das Ihnen zu „Solidarität“ einfällt?

Eigentlich fällt mir im Moment genau das Gegenteil ein, nämlich eine Ungleichverteilung von bestimmten Produkten oder Ressourcen. Solidarität hätte eigentlich damit zu tun, diese lebensnotwendigen Ressourcen besser zu verteilen. Ich denke, das ist auch im Agrarbereich ein wichtiger Punkt, weil es ja immer heißt, es müsste eigentlich noch mehr produziert werden, um eine steigende Bevölkerung zu ernähren. Es wäre bereits ein großer Gewinn, wenn das, was produziert wird, besser verteilt wäre.

5. Wo sehen Sie sich mit Solidarität in Ihrer Forschung konfrontiert?

Solidarität spielt im Agrarbereich eine große Rolle. Das Modell der Solidarischen Landwirtschaft kenne ich nicht, aber wie ihr das beschreibt (mehr dazu siehe Titelstory, Anm.d.R.), wären wir in meinem Forschungsbereich daran interessiert, wie sich so eine Art der Bewirtschaftung auf die Landschaft auswirkt und was das dann wiederum für Folgen für die Biodiversität hat. Allgemein wird in der Agrarökologie der Zustand um 1950 vor dem Beginn der Industrialisierung der Landwirtschaft als das Idealbild betrachtet, was die Artenzahlen und die Landschaftstypen betrifft.

6. Und wie ist das mit Solidarität innerhalb der Universität?

Da man an der Universität einem so großen Druck ausgesetzt ist, zu publizieren, Drittmittel zu generieren und mit anderen Leuten um wenige Stellen konkurriert, ist das in manchen Bereichen kein System, das große Solidarität aus sich heraus erzeugt.

„Solidarität ist im Agrarbereich ein
wichtiger Punkt.“

7. Welche Auswirkung hat die Forschertätigkeit auf Ihren Alltag?

Ich denke viel darüber nach, welche Lebensmittel ich kaufe und frage mich, ob man überall biologisch wirtschaften kann, um genug Lebensmittel für alle zu erzeugen. Vielleicht gibt es auch „intelligente“ Kombinationen zwischen relativ intensiver Landwirtschaft und weniger intensiver, die sich gegenseitig ergänzen, da biologischer Landbau einen geringeren Ertrag als die konventionelle Landwirtschaft erzielt. Dieser geringere Ertrag führt dazu, dass sehr viel Fläche benötigt wird. Da gibt es zurzeit in den agrar-ökologischen Bereichen eine relativ kontroverse Diskussion, die unter dem Begriff „Sharing or sparing“ läuft. Es geht um die Frage, wie eher etwas für Biodiversitätsschutz getan werden kann. Entweder indem ich intensiv in den hochproduktiven Standorten produziere und dafür Fläche spare, die ich komplett dem Naturschutz überlassen kann. Oder indem ich in einer stark genutzten Landschaft dafür sorgen sollte, dass der genutzte Bereich für bestimmte Arten durchlässig und nutzbar ist, weil es sonst keinen Austausch zwischen Habitatinseln geben kann.

8. Zum Schluss hätte ich gerne noch eine kleine Einschätzung von Ihnen: Wo sehen Sie die Gesellschaft in 20 Jahren?

Ich denke, dass Ressourcenknappheit in bestimmten Bereichen zu einem Umdenken führt. Und dass dieses große und immer größer werdende Ungleichgewicht von Arm und Reich auf der Erde dazu führen wird, dass Konflikte zunehmen und dies ein Umdenken verlangt. Vielleicht kommt es auch zu einem Einpreisen von bestimmten Leistungen und Produkten, was dann in unserem Alltag etwas verändern wird. Aber ich glaube eine gesellschaftliche Veränderung dauert mehr als 20 Jahre.

9. Wo sehen Sie die Universität in 20 Jahren? 

Im Moment gibt es bereits eine Diskussion darüber, dass bestimmte Entwicklungen, die es in den letzten Jahren gab, wieder rückgängig gemacht werden. Ich hoffe, dass sich in 20 Jahren die Perspektive, als junger Mensch eine Karriere in der Wissenschaft ergreifen zu können, wieder etwas verbessert hat.

Herr Diekötter, vielen Dank für dieses Gespräch.

Das Interview wurde geführt von:
Janina Taigel

Worterklärungen

Biodiversität:
Vielfalt des Lebens

Ökosystem:
Lebensgemeinschaft von Organismen mehrerer Arten sowie den Umweltfaktoren, denen sie ausgesetzt sind
Ökosystemdienstleistungen:
Funktionen von Ökosystemen, die dem Menschen nutzen

 

Infos zu den verzehrten Produkten:
* Kieler Honig zu kaufen bei EXTRAWÜRSTE 56, Holtenauer Straße 56
www.kieler-honig.de
** Das Brot, vom Holzofenbäcker, zu kaufen z.B. mittwochs auf dem Markt am Exerzierplatz
derholzofenbaecker.jimdo.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Links